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Der Modezar von der Langstrasse

Tagesanzeiger vom Freitag, 21. März 2014

Marco Di Renzo nennt sich der Kleiderladen im Erdgeschoss der Schöneggstrasse 5.
Und so heisst auch dessen Besitzer. Di Renzo ist sozusagen der offizielle Ausstatter des Kreises 4.

Von David Sarasin
marco tagesanzeigerEin Laden, ein Chef, ein Name. Marco Di Renzo, der Chef des Ladens im Erdgeschoss des Kreativhauses an der Schöneggstrasse, kümmert sich um alles: Einkaufen, Buchhaltung, Raumgestaltung, Soundkonzept – und, richtig, auch seinen eigenen Namen hat er dem Laden verpasst. Das passt zu einem Modegeschäft, man erinnere sich an Louis Vuitton oder Giorgio Armani. Die Auslagen des Ladens im Kreis 4 schmücken aber keine teuren Taschen oder massgeschneiderten Anzüge, sondern knallbunte High Heels, Jeans oder mit Pailletten bestückte Baseballcaps. Bässe wummern vom Innern des Ladens bis auf die Strasse. «We love to dress you!», verspricht der Schriftzug neben dem Eingang, Ausverkauf!» die Tafel im Schaufenster. «Ich liebe den Kreis 4. Ich möchte in keinen anderen Kreis mit meinem Laden », sagt Marco Di Renzo, der selber schon zum Inventar des Quartiers gehört. Seit 1992 betreibt er sein Lokal an jener Ecke, die für viele als die raueste der Stadt gilt. Direkt vor dem Haupteingang seines Geschäfts bieten Dealer Drogen an, andere betteln um Kleingeld. Seit das neue Bushäuschen in Betrieb sei, habe sich die Lage verschärft, sagt Di Renzo. Kein besonders geeignetes Umfeld für einen Kleiderladen, würde man meinen. Doch der Betreiber fühlt sich wohl im Quartier – auch, weil er dessen Wandel mitverfolgt und sich seiner Umgebung angepasst hat. Das Sortiment im Geschäft darf man bunt bis grell nennen. Plastikdiamanten flackern von hohen Hacken, und neonfarbene Töne strahlen von T-Shirts. Auch die Kundschaft des Ladens ist bunt gemischt. Schülerinnen des Feldstrasse-Schulhauses gehören ebenso dazu wie die Frauen aus der Karibik vom Laden gegenüber oder die Sexarbeiterinnen von der Langstrasse. Die Grafiker und Fotografen aus den Ateliers ein paar Stöcke oberhalb aber gehören nicht zur Zielgruppe.

Einsiedeln, Wohlen, Safenwil
«Wie wählen Sie Ihre Kleider aus, Herr Di Renzo?» – «Zu Beginn wollte ich einfach so viele Stücke wie möglich unter 20 Franken im Sortiment haben», sagt Di Renzo. Denn: «So viel konnten sich Hausfrauen fast immer vom Haushaltsgeld abzwacken.» Heute orientiere er sich mehr am internationalen Jetset und an People-Magazinen. Wenn darin Paris Hilton abgebildet sei, wie sie im Trainer und mit Baseballmütze auf dem Kopf verhaftet werde, dann könne man exakt dieselbe Aufmachung drei Wochen später bei ihm im Laden anprobieren. Kein Laufsteg also, dafür Kopien von Freizeitkleidern von Stars. Und damit fährt Di Renzo seit mehr als 20 Jahren gut. Bereits gehören ihm sieben Läden. Und während die Branchenkollegen von der Bahnhofstrasse «London, Paris, Zürich» auf ihre Taschen schreiben, heisst es auf dem Kleber auf Di Renzos Schaufenster «Einsiedeln, Buttikon SZ, Wohlen, Safenwil, Wädenswil, Zürich». Zug kommt bald hinzu, denn dort hat er letzte Woche seine neueste Filiale eröffnet. Um die schnell wechselnden Trends im Blick zu behalten, brauche man einen wachen Geist, sagt Di Renzo. Beweis dafür sind die 24 000 «inspirierenden Fotos» auf seinem Handy. Zweimal im Monat reist er nach Paris, um zu schauen, was seine Anbieter im Sortiment führen – und natürlich, um einzukaufen. Jedes einzelne Stück in seinem rund 2000 Artikel umfassenden Sortiment ging einst durch seine Hände. Verkauft sich eines schlecht, wird es mit einem Rabattschild versehen. «Eine meiner Schwächen ist meine Ungeduld», sagt Di Renzo.

No-Name-Laden, Modeparadies
Seit einiger Zeit wird der Chef auf seinen Reisen ins Ausland von seiner 17-jährigen Tochter begleitet. «Ich könnte mir vorstellen, dass eine meiner drei Töchter irgendwann das Geschäft übernimmt », sagt er. Auf die Frage, ob seine Mädchen ebenfalls Miniröcke aus seinem Sortiment tragen dürften, antwortet er diplomatisch: «Meine Töchter sollen keine Fashion Victims werden.» Marco Di Renzo ist als Sohn einer Näherin und eines Mechanikers in Oberurnen Gl geboren. Beide Eltern sind aus Norditalien ins Glarnerland emigriert und arbeiteten in der ansässigen Textilfabrik. Seinen Geschäftssinn hatte Marco beim Aufmotzen von Mofas für Freunde entdeckt, sagt er. Danach handelte er mit Münzen, bis er nach einer KV-Lehre in den Handel mit Autos und Kleidern aus Restposten einstieg. Dann irgendwann kam sein Laden an der Ecke Militär-/ Langstrasse. Acht Jahre liess er ihn namenlos. Die Kunden gaben ihm den inoffiziellen Namen «barato», was auf Portugiesisch «billig» heisst. Bevor Di Renzo das Geschäft aber nach sich selber benannte, hiess es eine Zeit lang Modeparadies. Di Renzos Mittel um Erfolg: eine schlanke Betriebsleitung. Sprich: er selber. Dazu kommen 40 Angestellte, die er mittlerweile beschäftigt. Doch zurück zum Haus an der Schöneggstrasse. Erst das Nebeneinander dieser verschiedenen lebenswelten macht dieses Gebäude so typisch für den Kreis 4. Wäre es eine Kirche, sollte man besorgt darum sein, dass sie im Dorf bleibt. Marco Di Renzo drückt es anders aus: «Ich bin froh, dass sich die grossen Ladenketten noch nicht in den Kreis 4 vorgewagt haben.»

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